Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kollegen,
die ihr hierhergekommen seid, um Abschied zu nehmen.
Ich glaube, wohl keiner von uns, die wir in seinem Alter oder älter sind, hätte gedacht, an einer Trauerfeier für Henner Kotte teilnehmen zu müssen.
Er hatte dem Tod schließlich schon einmal ins Auge geblickt, hatte gekämpft und gewonnen. Die Einschränkungen, die mit diesem Sieg einhergingen, ertrug er klaglos.
Nie hatte man die Vorstellung, sie würden sein Leben bestimmen und erst recht nicht, ihn vom Leben abhalten.
Ja, man hatte den Eindruck, er habe sogar die Angst vor dem Tod überwunden.
Wer von uns kann das schon von sich behaupten.
Mit Fröhlichkeit machten wir zusammen Lesungen in einem Beerdigungsinstitut, mit Verve und Textsicherheit sang er Lieder mit, wie Kreislers „Der Tod, das muss ein Wiener sein“, oder „Grüß Gott, ich bin der Tod, vorbei ist deine Not“.
Erinnert ihr euch?
Er führte Reisegruppen auf diesem Friedhof herum, auf dem wir ihn heute zu Grabe tragen.
Und als Krimischriftseller kannte er sich aus mit Mord und Totschlag und berichtete darüber mit großem Vergnügen und viel Humor.
Kurz, der Tod, jedenfalls der eigene, war so weit weg von ihm, wie bei einem Menschen, der 30 Jahre jünger ist, im Vollbesitz seiner physischen Kräfte und in der Hochphase der Pflichterfüllung.
Gerade Letzteres – so betonte er immer wieder – habe er dank des besiegten Krebses überwunden. „Ich mache nur noch, was mir gefällt“, so sein immer wieder gern abgegebenes Statement.
Nun gefiel ihm zwar vielerlei, aber die überwundene Krankheit half ihm, die Spreu vom Weizen zu trennen und sich noch mehr auf das zu konzentrieren, was seine wirkliche Profession war: das Erzählen von Geschichten.
Henner war Geschichtenerzähler. Darin war er nicht zu überbieten. Er holte sie aus seinem schier unbegrenzten Gedächtnis. Manchmal schrieb er sie in Bücher, oder wollte es tun, nachdem er sie am Stammtisch oder in der Herrenrunde zum Besten gegeben hatte. Immer hatten sie ein Anfang und ein Ende, und immer hatte es einen Sinn, warum er sie gerade jetzt erzählte.
Henner war ein wandelndes Lexikon des sekundären Wissens, der Geschichten neben der Geschichte. Auf Knopfdruck sprudelten diese Geschichten aus ihm heraus, und er hatte auch die Stimme dazu, sich jene Aufmerksamkeit zu verschaffen, die seinem außerordentlichen Talent zustand.
Sein großes Verständnis für Literatur und Sprache ließ ihn auch Talente erkennen, wenn sie ihm begegneten. Er bestärkte und inspirierte sie, gab ihnen jene Anerkennung, die ein Künstler braucht, und die ihm auch selbst viel bedeutete.
Die Jahre nach dem Sieg über seine Krebs-Erkrankung waren seine produktivsten. Es erschien ein Buch nach dem anderen, er hatte einen mit Lesungen reich gefüllten Terminkalender, und als Stadtführer war er mehr als gut gebucht.
Jeden Tag war er zu Fuß in seiner Stadt unterwegs, die ihm, dem am 17.8.1963 in Wolgast geborenen Dresdner so sehr Heimat geworden war. Das merkte man auch daran, dass er über vieles schimpfen konnte, was Leipzig eben leider auch ausmacht.
Wenn man älter wird, verschwindet ein Alleinstellungsmerkmal nach dem anderen. Darüber haben wir oft gesprochen und noch öfter geklagt.
Nun ist auch Leipzig um ein Alleinstellungsmerkmal ärmer.
Es heißt Henner Kotte, und wir trauern um ihn. Gott sei Dank hat er Spuren hinterlassen. Viele seiner Bücher werden neue Auflagen erleben.
Wir können sie in die Hand nehmen und den Freund, den Bruder, den Geistesverwandten in ihnen finden.
Solltet ihr gleich heute damit anfangen wollen, seid ihr um 18.00 Uhr herzlich in den Academixer-Keller eingeladen. Dann hätte Henner laut Veranstaltungsplan mit Katrin Hart Geschichten erzählen sollen. Nun müssen Gunther Böhnke, Thomas Feist, Tilo Augsten und Carolin Masur und ich ihn bei Kati vertreten. Und glaubt mir, so gern wir dies als Freundschaftsdienst für ihn tun, es ist doch keine leichte Aufgabe.
Ich sagte es vorhin schon, Henner kannte viele und arbeitete mit zahlreichen Menschen. Ihr erinnert euch vielleicht an seinen 60. Geburtstag, da war der Biergarten im „Gambrinus“ voll.
Und Henner, der ein bisschen zu spät kam, weil er davor noch eine Stadtführung hatte, war glücklich über jeden, der seiner Einladung gefolgt war, aber auch ein bisschen überrascht, wegen der vielen Leute. So viele Menschen, unterschiedlichster Profession saßen da zusammen an langen Tischen, aßen, tranken, quatschten, Musik gab es auch.
Henner war ein „Networker“, obwohl er sich über das Wort lustig gemacht hätte.
Der lebende Beweis ist auch die große Anteilnahme an seinem Tod, die so viele Menschen dazu gebracht hat, heute in diese Kapelle zu gekommen. Unsere Aufmerksamkeit, für die er sehr dankbar war, hat er immer gehabt.
Physisch ist er nicht mehr da, aber aus dem Kopf wird er uns so schnell nicht gehen.
Brecht hat einmal gesagt: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“
Und Ernest Hemingway: „Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig. Und die, die es sind, sterben nie.
Es zählt nicht, dass sie nicht mehr da sind. Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot.“
Mich tröstet ein solcher Gedanke, und ich hätte mich gern noch mit Henner darüber ausgetauscht.
Nun geht das nicht mehr.